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Mit dem Fernseher ins Netz: Hybrid-TV

5. September 2010

von Filiz Penzkofer

Promihochzeit auf der IFA: Der etwas angestaubte Bräutigam TV ehelicht die weitaus jüngere Braut Internet. Unter dem gemeinsamen Familiennamen Hybridfernsehen starten sie ins neue Glück.

Skypen mit der Oma

Eva Breuer steht vor dem Fernsehbildschirm und schüttelt den Kopf. „Verrückt“, sagt sie und lacht. Die Seniorin sieht gerade ihren Enkel Benno im Bild. Benno ist kein Star. Benno steht ein paar Schritte weiter links an einem anderen Bildschirm und lächelt in die integrierte Fernsehkamera. Er hat gerade seine Oma über Skype angerufen. Einen Computer braucht er dafür nicht. Hybridfernsehen – eine Verbindung zwischen linearem TV und Internet – macht das möglich.

Die ersten internetfähigen Fernsehgeräte wurden bereits 1997 auf der IFA vorgestellt. Die technische Neuerung konnte sich jedoch nicht durchsetzen. Das Netz war zu langsam, die Technik zu unausgereift. Erst bei den heute möglichen Datenübertragungsraten wird Hybrid-TV attraktiv,

HbbTV: ein gemeinsamer Standart

Mit Hybridfernsehern vom Sofa aus Skypen ...Mittlerweile haben sich europäische Medienunternehmen, darunter die großen deutschen Sender, mit Geräteherstellern wie Toshiba, LG, Philips, Loewe oder Eviado zusammengeschlossen und einen einheitlichen Standard geschaffen: Hybrid Broadcast Broadband TV (kurz HbbTV).  Bei all diesen Anbietern funktioniert das System jetzt gleich: Ein Druck auf den roten Knopf der Fernbedienung reicht aus, um Zusatzangebote zum TV-Programm aus dem Internet auf den Bildschirm zu holen. Und diese Zusatzangebote werden vermutlich rasch zunehmen, weil die Anbieter sie jetzt schneller und kostengünstiger für eine einheitliche Plattform entwickeln.

Einige Hersteller auf der  IFA beteiligen sich nicht am HbbTV, Panasonic zum Beispiel. Hybridfernsehen ist dort trotzdem eine Selbstverständlichkeit. Wer sich ein Fernsehgerät  der japanischen Firma kauft, holt sich seit Anfang des Jahres die integrierte Internetfunktion mit ins Haus. „Bisher kaufen sich die meisten Menschen die Fernsehgeräte noch nicht wegen der Hybridtechnik“, erzählt ein Technikexperte von Panasonic. „Aber wenn sie diese Möglichkeiten dann zuhause entdecken, verlieben sie sich.“

Die wichtigste Anwendung der Hybridtechnik ist die Verknüpfung von Internet-Inhalten mit dem Fernsehen. So kann man sich beispielsweise von der Wohnzimmer-Couch aus Musikvideos oder Webfotos anschauen, soziale Netzwerke checken oder einfach ein bisschen surfen. Bei vielen Programmen lassen sich verpasste Fernsehsendungen über Mediatheken nachträglich gucken.

Surfen auf der Fernsehcouch

Außerdem gibt es Zusatzfunktionen: Der elektronische Programmführer nimmt den Zuschauer visuell an der Hand und erleichtert ihm den Überblick über den Fernsehdschungel. Anders als beim Teletext kommen hier die Informationen aus dem Internet, sie sind um einiges übersichtlicher, Größe und Farbe der Schrift kann man beliebig einstellen. Zudem lassen sich Fernsehsendungen aufzeichnen. Das Gerät von Eviado stellt seinen Nutzern „Lieblingssendungen“ vor. Es merkt sich das Fernsehverhalten seiner Besitzer und stellt ihnen Filme mit ähnlichen Inhalten oder denselben Schauspielern vor.

Klingt viel versprechend. Und trotzdem könnte man sich die Frage stellen: Warum nicht an den Schreibtisch und dort online gehen? Zumal es auf dem TV-Bildschirm noch sehr kompliziert ist, sich ohne Maus und Tastatur (geschrieben wird auf der Fernbedienung) aktiv im Web zu betätigen.

Die Fernsehaussteller und Programmbetreiber auf der IFA antworten gerne. „Man schaut manche Sachen einfach lieber auf der Fernsehcouch als vor dem Computer“, erklärt Florian Leinfelder, Product Manager von der Firma Loewe. Er nennt das den „Lean-back-Effekt“. Anka Brockhoff von Eviado findet es viel angenehmer, ein Internetvideo im Großformat zu betrachten statt auf dem Laptop. Thomas Schierbaum vom Institut für Rundfunktechnik betont die einfache Anwendung der Hybridfernseher. Wenn er das Programm vorführt, muss er nur wenige Knöpfe bedienen. Dadurch können auch Menschen Internetfunktionen nutzen, die sich sonst nicht an den Computer heranwagen würden – wie Eva Breuer. Die 67-Jährige  benutzt heute zum ersten Mal Skype.

Internet statt Telefon

Das ist noch eine Seltenheit, bisher haben nur wenige Hybridfernseher, zum Beispiel Panasonic und Samsung, dieses Feature im Programm. Doch Fernsehtelefonie könnte das „nächste große Ding“ fürs Hybrid-TV werden. Das Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen hat zum Beispiel Technologien entwickelt, die noch schnellere und bessere Videokommunikation erlauben sollen als Skype. Teure Videokonferenztechnik könnte damit überflüssig werden. Die Neuerung muss noch in ein Fernsehgerät eingebaut werden, dann ist sie alltagstauglich. Wahrscheinlich lässt sich das Produkt dann bei der IFA 2012 bewundern.

Wird sich bis dahin das Hybridfernsehen schon durchgesetzt haben? Oder bleiben die Menschen noch länger bei ihrem „good old“ TV?

„Bei Technik lässt sich immer schwer in die Zukunft schauen. Aber wir trauen uns schon zu sagen, das setzt sich durch. Die Voraussetzungen dafür sind sehr, sehr gut.“, sagt Thomas Schierbaum zuversichtlich.

Eva Breuer wird ihrem alten Fernseher aber noch eine Weile treu bleiben, auch wenn sie es super findet, mit ihrem Enkel in Großaufnahme auf dem Bildschirm zu telefonieren. „Wenn ich Benno sehen will, dann geh ich einfach zwei Häuser weiter.“

3 Kommentare leave one →
  1. Bernd Schade permalink
    5. September 2010 19:11

    Toll das zukünftige Hybrid-TV. Welche Voraussetzungen braucht man
    anschlußseitig? Telefonanschluß oder geht auch schon UMTS?
    Bisher wird dafür wenig Werbung gemacht, obwohl ja best. Hersteller es bereits im Fernseher integriert haben.
    Bernd Schade

    • 7. September 2010 12:02

      Hallo lieber Bernd
      vielen Dank für dein Interesse. Der Fernseher kann über Netzwerkkabel oder Wlan mit dem Internet verbunden werden. Von UMTS-tauglichen Fernsehern habe ich bisher noch nichts gehört. Aber das kommt bestimmt noch.
      Viele Grüße
      Filiz

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  1. Hybrid-TV: Internet per Fernbedienung « TecWatch-Blog

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