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Sonntagmorgen 2.0

6. September 2010

von Marcel Vogt

Dieser idyllische Sonntagmorgen 1.0 hat bald ausgedient. Das längst fällige Update auf die Version 2.0 enthält einen Computer, der alles weiß und damit auch noch Recht hat. Auch gegen nervige Nachbarn ist der digitale Kumpel eine praktische Hilfe. Eine abgedrehte Vision. Aber sie wird uns früh genug einholen.

Wenn mein Kopf nicht angewachsen wäre

„Guten Morgen! Es ist 6:30 Uhr. Ich weiß, du stehst normalerweise um sieben auf. Aber du warst gerade in der richtigen Schlafphase zum Aufwachen. Außerdem hast du vielleicht Lust, eine Runde Schach mit mir zu spielen.“

Mein Wecker kennt mich. Er weiß, was gut für mich ist. Ich will nicht zurück ins Jahr 2010, wo mich ein schrilles Piepen aus dem Traum riss und ich auf einmal statt Palmen in Malibu nur noch den Regen in München sah. „Bevor wir anfangen zu spielen: Heute ist der Hochzeitstag deiner Eltern. Willst du nicht schnell im Internet ein Paar Blumen kaufen?“ Super. Hätte ich wie immer vergessen. Eben schnell ein Paar Rosen gekauft und per Eilkurier an meine Eltern adressiert. So einfach ist das. „Moment! Nicht so schnell! Vergiss nicht die Glückwunschkarte! Ich habe dir deine zwei besten Urlaubsfotos aus dem letzten Jahr zusammengestellt. Du müsstest nur noch zwei Zeilen schreiben und dann bräuchte ich noch einmal deine Unterschrift auf dem Touchscreen.“

Wenn ich ihn nicht hätte! Mein Wecker ist alles in einem: PC, Radio, Spielkonsole, Fotoapparat. Die Fernsteuerung für jedes Gerät in meinem Haus. Und das alles in der Größe eines DIN A4-Blattes und fast so flach. Mein ganzes Leben hängt von ihm ab.

Zu faul, aus dem Fenster zu schauen

„Zeig mir doch mal bitte, wie es draußen aussieht. Ich bin zu faul, aus dem Fenster zu schauen.“ Gesagt, getan.
„Hoppla, was ist denn das? Zoom mal rein. Die blöde Schnepfe! Was schneidet die meine Hecke? Die gehört zu 64 % zu meinem Grundstück!!! KRUZIFIX, ich könnte… Mach den Rasensprenger an! Hihi, jetzt wird sie schön nass in ihrem Sonntagskleid… Bitte film das alles! ….. Super. Und jetzt stell es auf Facebook, myspace und StudiVZ.“

Und schon wieder meldet sich mein Computer: „Die Sonnenblumen hinten im Garten bekommen jeden Morgen die Sonne im Winkel von 36 Grad. Dadurch krümmen sie sich im Wachstum um 1,2%. In einem halben Jahr sind sie kaputt.“ „Dann schieb die Sonne ein bisschen nach oben. … Hey! Wieso passiert da nichts? Muss ich dich erst updaten?“

Plötzlich eine Fehlermeldung auf dem Display: „Unbewegliches Objekt“. Mist, so weit ist die Technik doch noch nicht.

Der Computer merkt auch alles

Aber das Gerät ist echt intelligent. Zumindest habe ich im Schach keine Chance. „Ich habe dich gerne ein bisschen mitspielen lassen. Aber ich muss dich jetzt leider matt setzen. Es ist nämlich schon sieben.“

Ich stehe auf und gehe ins Badezimmer. Eine Dusche wäre jetzt toll. „Hey Computer! Ich würde gerne bei 37 Grad duschen. Bitte mit Massagestrahl von schräg rechts.“ „Gerne. Aber du solltest wissen, dass die Solaranlage das Wasser noch nicht genug erwärmt hat. Du müsstest es jetzt mit Fremdenergie aufheizen – und das kostet Geld. Wenn du immer erst vor dem Duschen frühstückst, kannst du damit in einem Monat soviel sparen, dass du dir endlich das Update für mein Betriebssystem leisten kannst.“

Damit nervt er mich seit Wochen. Nun gut. Wenigstens ist der Kaffee fertig, wenn ich in die Küche komme.

Denkste. „Bitte neue Kaffeebohnen einfüllen.“ Mist. Kann man die nicht irgendwo runterladen? Egal. Dann gehe ich eben jetzt schon ins Bad. Ich stehe vor dem Waschbecken und schaue in den Spiegel. Und der weiß auch eine Menge: Er sagt mir, dass ich mich rasieren muss und aussehe wie der Räuber Hotzenplotz. Ich putze mir die Zähne und dusche. Zum zweitbilligsten Wassertarif des Tages, wie der Computer berechnet hat. Dann gehe ich ins Esszimmer, wo mein Spiegelei schon bereit steht. Meine Schwester hatte von ihrem letzten Mond-Ausflug noch Fertigei übrig. Einfach das Pulver in die Pfanne tun und dem Computer sagen, wann ich essen will. Er kocht das Ei selbstständig mit heißem Wasser.

Helge Schneider und das Fertigei

Während des Essens zeigt mir mein Esstisch neben meinem Teller meine Lieblings-Comedyvideos aus der Jugend: Helge Schneider parkt ein und ich pruste vor Lachen. Das Fertigei fliegt im hohen Bogen an die Wand. Ein weiteres Problem der Technik: die Hightech-Tapete ist im Eimer. Überall sind darin nämlich Lautsprecher eingebaut, damit sie nicht im Zimmer herumstehen müssen. Ich muss den Elektriker rufen, damit er neu tapeziert. Wahnsinn.

Nicht mal spazieren gehen kann ich alleine

Ich habe Lust auf einen Spaziergang. „Computer, bitte berechne mir einen 3,4 Kilometer-Spaziergang mit 70% Waldwegen. Aber nicht mit so viel Steigung wie letztes Mal.“

Mit meinem Wundergerät trete ich vor die Haustür und gehe ein Paar Meter auf der Straße. „Soll ich die Polizei rufen?“, fragt mich der Computer. „Wieso?“ „Na, du hast die Tür offen gelassen. Statistisch gesehen wird in sechs Minuten jemand bei dir einbrechen. Wenn du jetzt die Polizei rufst, können wir den Einbrecher vielleicht noch abfangen.“ „Computer, sei still! Mach die Tür zu und gut!“ – „Du hast mich im Menü auf „humorvoll“ gestellt. Wenn du den Ernsthaftigkeitsregler verschieben willst, dann sag das doch einfach!“

Wenn Currywurst kein Argument ist

Auf der Straße kommt mir ein Mann entgegen. Der Computer ermittelt durch Gesichtserkennung sein Facebook-Profil und zeigt mir alle wichtigen Informationen an: Der Unbekannte heißt Alfred Bauer und war letztes Jahr auf Ibiza. Am liebsten isst er Broccoli und erzählt Sparwitze. Ich sehe ein wunderschönes Foto von ihm und seiner Frau mit dem Sonnenuntergang im Rücken. Ein Staubsaugervertreter. Er mag Tiere und hat selber ein Pferd. Hoffentlich stellt er sich das nicht in den Garten. Ich sehe nämlich gerade, dass er mein neuer Nachbar ist. Plötzlich spricht er mich an: „Guten Tag! Schön, dass wir jetzt nebeneinander wohnen. Sie mögen doch so gerne Currywurst. Wollen wir heute Nachmittag grillen???“ Oh mein Gott, das hat mir gerade noch gefehlt. Heute Nachmittag habe ich bestimmt etwas Besseres zu tun. Ich sage ihm höflich, aber sehr verbindlich, dass ich schon einen Staubsauger habe und mache mich auf den Weg in den Wald.

Mehr über das Zuhause 2.0

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