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Geborene Erfinder

3. September 2011

von Marcel Vogt

Viele kleine Jungs – und manchmal auch kleine Mädchen – schlafen unter Daniel Düsentrieb-Postern und wollen unbedingt Erfinder werden. Meistens bleibt es aber bei den Kinderträumen. Denn es gibt nur wenige geborene Erfinder. So wie Mário, Renato und Daniel auf der IFA.

Die Ideenfabrik

Mário Cardoso ist der geborene Erfinder: Im Alter von acht Jahren reparierte er das Bügeleisen seiner Mutter und baute sein Fernlenkauto zu einem Boot um. Später studierte er Maschinenbau. Heute ist er seit fünf Jahren professioneller Erfinder bei CWJ Electronics. Der geborene Erfinder weiß eben, was er will: Seinen kindlichen Instinkten folgen und dabei Spaß haben. CWJ Electronics besteht aus 80 Erfindern, das Firmenkapital ist die Kreativität der Mitarbeiter, die sämtliche Produkte selbst entwickeln.  Mário Cardoso, 28 Jahre alt, aus dem portugiesischen Figueira da Foz, ist einer dieser Typen, die das ganze Jahr über braun gebrannt herumlaufen. Satt braune, dicke Haare und immer ein Lächeln auf den schmalen Lippen. Er trägt ein typisches Maschinenbauer-Hemd: kurzärmlig, weiß mit schmalen roten Streifen. Sein Lachen ist tief und voluminös, wie das eines Opernsängers. Und er lacht viel, wenn er den Messebesuchern seine windbetriebene „heat pump“ erklärt: ein Gerät, das aus Windenergie Wärme erzeugt.

Von der Erfindung zum Produkt

Ein Besucher aus Deutschland will es besonders genau wissen: er ist pensionierter Klimaanlagentechniker. Endlich bekommt Mário die Chance, einem Fachmann die Entwicklung seines Geräts zu erklären. „Mein Chef sagte: Hitzeenergie aus Wind, das wäre toll. Mach mal! Dann bekam ich von ihm einen Stapel Bücher. Die habe ich verschlungen! Ich habe dann Konkurrenzprodukte auseinandergebaut.“ Er beginnt, seinen Kugelschreiber zu zerlegen. Er legt die Feder, die Mine, den vorderen und den hinteren Gehäuseteil auf den Tisch und steckt die Feder verkehrt herum auf die Mine: „Ich habe mich gefragt: wieso baut der Kollege diese Teile genau so zusammen, geht es auch anders? Und oft ging es anders. Hier natürlich nicht, ich baue den Stift wieder zusammen, der ist perfekt. Dann habe ich Publikationen gelesen, Forscher gefragt, Konferenzen besucht, ferngesehen, Teile gekauft und einen Prototypen gebaut.“ Der geborene Erfinder sprüht eben nur so vor Tatendrang, wenn er ein Ziel vor Augen hat. Mário zeichnet dem Messebesucher eine technische Skizze von seiner Erfindung. Zehn Sekunden – und das Papier ist voll. Fragen. Antworten. Ein  Ping-Pong-Spiel der englischen Fachbegriffe. „Und dann habe ich noch eines gelernt: Wer ein guter Erfinder sein will, muss beharrlich sein. Ich teste meine Geräte nicht nur selber zu Hause, sondern gebe auch keine Ruhe, bis mein Chef einen Prototypen bei sich im Haus einsetzt. Das macht er aber gerne, denn wir Erfinder sind alle aus dem gleichen Holz geschnitzt.“

Vom Pianisten zum Lautsprecherentwickler

Beharrlichkeit, das ist auch eine Stärke von Renato Pellegrini (40) aus Oberglatt im Kanton Zürich. Als Werkstudent war er an der Entwicklung eines Raumklang-Systems beteiligt. Das Projekt musste sein Team abbrechen, weil der Mutterkonzern seines Arbeitgebers noch weitere Tochterfirmen damit beauftragt hatte. „Wir haben uns aber gesagt: Das ist cool, was wir da machen. Also habe ich kurzerhand mit meinem Kumpel Matthias die Firma sonic emotion gegründet.“ Elektroingenieur Renato ist wie der Schweizer Komiker Emil Steinberger vor 20 Jahren: leicht graue Haare, eine randlose silberne Brille mit zwei rechteckigen Gläsern, die exakt so breit ist wie sein Gesicht. Ein fast schelmisches Lächeln, rote Turnschuhe zum Nadelstreifenanzug mit weißem Hemd. Trotzdem passt alles irgendwie zusammen. Der geborene Erfinder ist stilsicher. Genau wie Renatos fast akzentfreies Hochdeutsch. „Und ein guter Erfinder ist flexibel. Ich wollte erst Pianist werden, Töne sind meine Leidenschaft. Und weil es so viele gute Pianisten gibt, habe ich mich dagegen entschieden.“

Echter Raumklang mit einem Gerät

„Jetzt arbeite ich eben woanders mit Tönen. Unsere Firma hat viele Dinge entwickelt: Klangsimulatoren für Autohersteller oder Konzertsäle. Und dann einen Surround-Kopfhörer. Aber wir hatten immer ein großes Ziel: dem Endverbraucher ein Raumklangsystem anbieten, das bezahlbar ist und nicht endlos viele Lautsprecher braucht.“ Und dieses Ziel hat er erreicht. Mit Wellenfeldsynthese. Er zeigt auf einen iPod in einem schwarzen Würfel: “In diesem Würfel sind sechs Lautsprecher eingebaut. Du steckst den iPod rein und der Würfel erstellt sozusagen eine 3D-Karte des Raumes, in dem deine Musik aufgenommen wurde. Dann überlagert er die Wellenfelder der Lautsprecher so, dass der ursprüngliche Raum der Aufnahme sozusagen aus Schallwellen in deinem Wohnzimmer nachgebaut wird. Ist das nicht irre? Dann steht auf einmal ein Klavier vor deinem Esstisch.“

Das Team hinter dem Genie

Wenn Renato erklärt, wählt er seine Gesten sparsam und mit Bedacht. Keine Handbewegung ist überflüssig, kein Fingerzeig fehlt zum Verständnis. Ein Spiegelbild seines gesamten Lebens. „Die Firma kostet mich viel Zeit. Auch wenn das eigentlich keine Arbeit ist, sondern Spaß. Und ich habe zwei Kinder, da kann ich meine Zeit nicht verschwenden, muss die richtigen Dinge tun.“ Der geborene Erfinder setzt Prioritäten. Auf einmal ein lautes Brummen hinter Renato: zwei seiner Kollegen simulieren mit einem englischen Standbesucher den Raumklang eines Autos. Dabei liegen sie in der Kurve und lenken wie begeisterte kleine Jungs. „Deine Ideen können noch so genial sein, du brauchst ein Team, auf das du dich verlassen kannst. Und das mitflucht und mitjubelt. Ich fahre auch mal eine Woche Ski und lasse mein Handy zu Hause. Meine Jungs schmeißen den Laden auch ohne mich. Ohne mein Team bin ich nichts“. Kaum hat er den letzten Satz formuliert, liegt Renato schon mit seinen Kollegen in der Kurve. Der geborene Erfinder ist nicht allein.

Kleines Kind – große Idee

Und der geborene Erfinder muss auch einmal seinen Kopf ausschalten und denken wie ein kleines Kind. Daniel Matias (35) aus Lissabon hat so die Entdeckung seines Lebens gemacht: „Es war vor 15 Jahren: ich hatte ständig Hustenanfälle, weil ich Asthma habe. Mein Vater nahm mich mit zum Arzt und der konnte uns nicht helfen. Er meinte: „Ihr müsst die Hausstaubmilben bei euch töten. Töten! Wie, das konnte er nicht sagen.“ Daniel Matias ist in diesem Moment ein wehrloser 14-Jähriger in einem dunkelblauen Anzug mit locker geöffnetem weißem Hemd. Braune Augen, tief schwarzes Haar. Das Kind in ihm versucht, die Hausstaubmilben mit Faustschlägen zu töten. „Ich meine: Diese blöden Milben waren doch viel zu klein zum Töten. Als mein Vater und ich nach Hause kamen, war meine Mutter am Kochen. Ich hatte plötzlich diese Erinnerung, wie meine Oma gesagt hatte, beim Kochen würden alle Bakterien zerstört. Dann habe ich zu meinem Vater gesagt: “Papa, wir müssen die Luft kochen!“ Seine Hand kennt jetzt nur noch senkrechte oder waagerechte Bewegungen. Alles ist einfach, klare Körpersprache, klare Ideen. Dabei lacht er, den Mund weit geöffnet. Wie ein Kind.

Mit heißer Luft zum Markterfolg

Sein Vater und er haben diese Idee nicht etwa verworfen wie man es mit Kinderphantasien normalerweise macht. „Nein, mein Vater ist begeisterter Bastler. Er hat ein Gerät gebaut, das die gesamte Luft im Raum einsaugt und erhitzt. Dabei werden die Hausstaubmilben getötet. Wenn das Gerät zwei Wochen im Raum steht, ist der Raum für immer frei davon.“ Die beiden gründeten die Firma Air Free. Der geborene Erfinder erfindet für sich selbst und lässt andere daran teilhaben. „Zunächst haben wir nur in Portugal verkauft. Unsere Verkaufszahlen explodierten als 2005 das neue Design kam. Vorher hatte das Gerät ausgesehen wie ein Farbeimer.“ Heute ist es ein schwarzer Zylinder mit abgerundeter Oberfläche, der ein beruhigendes ozeanblaues Licht ausstrahlt. Ein warmer Luftstrom kommt von der Oberseite des Geräts und man hört ein sanftes Brummen. Das Gerät stört nicht und betört nicht. Genau wie seine Verkaufszahlen. „Es soll ein Nischenprodukt bleiben, auch wenn wir momentan jedes Jahr 20 Prozent mehr Gewinn machen. Ich will keine geringere Qualität und kein Lohndumping.“ Während Daniel spricht, beginnt ein Kunde ein Verkaufsgespräch mit seinem Kollegen. Daniel springt zu ihm herüber und schiebt ihn beiseite. „It’s a personal thing. Sorry! How can I help you?“

2 Kommentare leave one →
  1. 4. September 2011 09:52

    Hallo, wir haben auch eine kleine Erfindung. Eine kabellose Übertragung von allen Smartphone Inhalten auf fast jeden TV, Beamer oder Monitor. Und warten auf unsere Entdeckung (-;

    • marcelvogt permalink
      4. September 2011 12:28

      Super, danke für den Hinweis! Ich schau mal, ob wir das noch unterbringen können.

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