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E-Books: Der langsame Lauf des Fortschritts

5. September 2011

von Isabel Steffens

Im Lounge-Sessel Lesungen lauschen, durch Zeitungen blättern und sich Bestseller-Listen ansehen – das klingt eher nach Buchmesse als nach Funkausstellung. Und doch gibt es eine Ecke auf der IFA, in der sich alles um das geschriebene Wort dreht.
Zum zweiten Mal sind Medienhäuser und Verlage in einer eigenen Halle auf der Funkausstellung vertreten und führen E-Book-Lesegeräte, iPad-Applikationen und Online-Buchkataloge vor. Groß ist die „eLibrary“ in Halle 6.2 nicht. Noch immer ist das elektronische Buch ein Nischenprodukt. Im Jahr 2010 betrug der Anteil von E-Books am gesamten Buchumsatz lediglich 0,5 Prozent. Laut einer aktuellen GfK-Studie lehnen es 78 Prozent der Deutschen ab, Bücher auf einem Bildschirm oder Display zu lesen. Eine harte Nuss also, die es für die Aussteller auf der IFA zu knacken gilt. Während Marktführer Amazon mit seinem Kindle nicht auf der Funkausstellung vertreten ist, präsentieren unter anderem die Online-Buchshops Kobo und Libri.de ihre Strategien.

Ein Buch, viele Geräte

In einem Punkt sind sich beide Anbieter einig: Multi-Device ist das Schlüsselwort. Im Gegensatz zu Amazon, das seine E-Books an den Kindle bindet, sind Bücher von Kobo und Libri.de mit jedem E-Book-Reader kompatibel. Zusätzlich bringt Kobo zum 1. Oktober 2011 sein eigenes Lesegerät, den Kobo eReader Touch Edition, auf den deutschen Markt (voraussichtlicher Preis: 149 Euro). Libri.de hat pünktlich zur IFA eine kostenlose Lese-App seines E-Book-Portals „eBookS“ für Apple und Android veröffentlicht.

Rasant in Amerika, schleppend in Deutschland

Auch ohne Gerätebindung ist das deutsche E-Publishing-Geschäft ein schwer zu bezwingendes Terrain. Ganz anders ist das in den USA und in Kanada: Dort boomen E-Books. Letztes Jahr haben amerikanische Kunden mehr digitale Versionen als Hardcover-Ausgaben gekauft und der Anteil von E-Books am Gesamtumsatz betrug 10 Prozent. Warum also tun sich E-Book-Anbieter so schwer in Deutschland? Schuld daran sind im Wesentlichen vier Faktoren:

  • Inhalte: „In den USA gibt es jedes Buch, das gedruckt wird, gleichzeitig schon als E-Book. Das ist in Deutschland noch nicht so“, sagt Miriam Behmer, die bei Libri.de das Produktmanagement leitet.
  • Hardware: Lesegeräte sind in Nordamerika günstiger und deshalb verbreiteter (die billigsten Geräte fangen schon bei 50 Euro an). Da Menschen, die bereits ein entsprechendes Gerät besitzen, auch tendenziell mehr digitale Bücher kaufen, steigt deren Marktanteil.
  • Geographische Bedingungen: In den USA gibt  es sehr weitläufige Landstriche, in denen weit und breit keine Buchhandlung in Sicht ist. E-Books sind in Sekunden auf dem Endgerät.
  • Buchpreisbindung: Digitale Bücher sind in Nordamerika wesentlich günstiger als ihre gedruckten Versionen. In Deutschland verpflichtet die gesetzliche Buchpreisbindung die Verlage, ihre Bücher zu festgesetzten Preisen abzugeben. Seit 2008 gilt das auch für E-Books. Sie sind deshalb nur ein Fünftel billiger als die Printausgabe.

Während sich krisengeschüttelte Zeitungsherausgeber an das iPad klammern wie an einen Rettungsanker, können sich die Buchverlage im Moment  noch entspannt zurücklehnen: Als Kulturgut ist das Buch hoch angesehen und die digitale Version kein Ersatz, höchstens Ergänzung. Und wenn E-Books kaum günstiger sind als ihre gedruckten Brüder, greifen viele Deutsche lieber gleich zur Papierausgabe, die sich auch schön im Regal macht. Hinzu kommt, dass die Piraterie im E-Book-Bereich hoch ist: Mehr als 60 Prozent aller digitalen Bücher in Deutschland sollen letztes Jahr illegal aus dem Internet gezogen worden sein.

Warum also überhaupt in E-Publishing investieren?

Trotzdem geben E-Book-Händler den deutschen Markt nicht auf, und auch neue Anbieter lassen sich von den E-Book-unwilligen Deutschen nicht abschrecken. Der kanadische E-Book-Händler Kobo (dessen Namen ein Anagramm von „Book“ ist), startete erst vor einigen Monaten sein deutsches Portal.

Miriam Behmer von libri.de hält E-Publishing vor allem für eine Generationsfrage: „Die Hemmungen gegenüber neuer Technik werden ja immer weniger. Dazu kommt die Community-Funktion bei der jüngeren Zielgruppe: Wenn man ein digitales Buch hat, kann man eine Passage direkt twittern oder auf Facebook posten.“

Und mit jeder Neuerscheinung wächst das digitale Angebot. Bücher in E-Books zu konvertieren, ist teuer und aufwändig. Das lohnt sich nur für neue Bücher, da die Verlage an alten Titeln nicht mehr so viel verdienen. Auch die Autorenverträge müssten bei älteren Publikationen nachverhandelt werden, da sie noch nicht das Recht zur digitalen Verwertung enthalten. „Ich denke, dass es noch zwei bis drei Jahre dauert, bis der Durchbruch kommt. Wir steigern aber schon jetzt jährlich unseren Umsatz mit E-Books“, sagt Behmer.

Ob das gedruckte Buch in absehbarer Zeit stirbt? Nein, diese Gefahr sehen weder Behmer noch Helberg. Wer sich also inmitten von Hybrid-Fernsehern, Tablet-Computern und intelligenten Kühlschränken nach raschelndem Papier und Druckerschwärze sehnt, findet das bestimmt auch noch nächstes Jahr auf der IFA.

3 Kommentare leave one →
  1. Birgit Reuß permalink
    6. September 2011 19:34

    Die Höhe der E-Book Preise hat mit der Buchpreisbindung nichts zu tun. Preisbindung heisst, dass ein Buch zu einem vom Verlag festgesetzten Preis überall zu diesem Preis erhältlich ist unabhängig davon ob es nun 3 oder 30 Euro kostet. Eine Rolle bei der Preisgestaltung spielt die Mehrwertsteuer, die für digitale Bücher 19% , für gedruckte Bücher 7% beträgt.

    • 6. September 2011 22:50

      Danke für Ihren Hinweis. Sie haben Recht, auch die Mehrwertsteuer trägt zur Preisgestaltung von E-Books bei. Nichtsdestotrotz sorgt die Buchpreisbindung für ein gleichmäßig hohes Preisniveau bei digitalen Büchern, das nicht wesentlich niedriger ist als bei gedruckten Ausgaben. Das wird ja auch vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels unterstützt, der sich 2008 entsprechend äußerte: „Ohne Preisbindung könnten im Markt für E-Bücher oligopolistische oder gar monopolistische Strukturen entstehen, die sich auf die Vielfältigkeit und Verfügbarkeit des Angebots gedruckter Bücher auswirken würden.“

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